Bowls und die anderen Kugelspiele

Neben dem in unserem Blog behandelten Bowls gibt es weitere ähnliche Sportarten,  die alle als Kugelsport oder manchmal auch unter dem Begriff Boule zusammengefasst werden können. Die Spielidee ist meist ähnlich: Große Kugeln müssen zu einer kleinen Kugel befördert werden.  Das verwendete Equipment, die Technik und der kulturelle Hintergrund unterscheiden sich jedoch deutlich.

Die Sportgeräte beim Bowls bestehen aus Kunststoff (traditionell auch aus Holz). Sie werden ausschliesslich zum Ziel gerollt. Es sind keine perfekten Kugeln, daher laufen sie im Bogen (Bias) und kippen zum Ende oft auf eine Seite. Seine Hauptverbreitung hat Bowls in den Ländern des britischen Commonwealths. Besondere Schwerpunkte sind Australien/Neuseeland, Südafrika und die Britischen Inseln.

Bowls am Jack

Petanque kommt aus Frankreich und ist in den französischsprachigen Ländern und ehemaligen Kolonialgebieten am weitesten verbreitet. Hier wird mit Stahlkugeln gespielt. Dieses Spiel erfordert keine eigenen Spielstätten sondern kann fast überall gespielt werden.  Kugel dürfen auch zum Ziel geworfen werden. Durch geringe Einstiegskosten genießt das Spiel wahrscheinlich die weiteste Verbreitung und Beliebtheit in Deutschland, wo sich ein Verband mit eigenem Ligabetrieb etablieren konnte.

„Petzirkel“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Petzirkel.jpg#/media/File:Petzirkel.jpg

Boccia spielt man vor allem in Italien auf dafür präparierten Bahnen.  Die bunten Kunststoffkugeln werden auch zum Ziel geworfen. In Deutschland wird Boccia vor allem im Süden des Landes gespielt und erlangte in Westdeutschland durch Konrad Adenauer eine gewisse Bekanntheit, der das Spiel in seinem Urlaub entdeckte.

„Boccia im Ebert-Park“ von Immanuel Giel – Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boccia_im_Ebert-Park.JPG#/media/File:Boccia_im_Ebert-Park.JPG

Im Winter in der Halle – Short Mat Bowls

Short Mat ist nicht nur der Wintersport der Bowler sondern auch oft die Einstiegsvariante für neue Vereine ohne eigenes Grün. Je nach Land und Region variieren die Regeln ein wenig. In unseren Darstellungen orientieren wir uns am englischen Verband ESMBA der auch im März 2016 die Weltmeisterschaften ausrichtet.
Gerüchte besagen, dass Short Mat in Wales in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts von 2 Südafrikanern erfunden wurde, die sich mit dem Klima in ihrer neuen Heimat nicht anfreunden wollten. Später zogen die beiden nach Nordirland, wo dann auch 1960 der erste Verband gegründet wurde.
Die Short Mat Spielbahnen sollen nach den gültigen Regeln 12,2 bis 13,75m (40-45 feed) lang und 1,83m (6 feed) breit sein und auf ebener Fläche ausgerollt werden. Der Ditch wird durch Holzbanden am Bahnende simuliert. In der Bahnmitte liegt ein 38cm langer Block, der umspielt werden muss. Bowls können die gleichen wie im Freien verwendet werden, der Jack ist meist schwerer (397-907g) und wird nicht geworfen, sondern auf der Matte platziert.
Neben den Weltmeisterschaften aller 2 Jahre hat sich inzwischen eine Short Mat Players Tour mit eigenem Weltcupfinale etabliert, wo gegen Zahlung eines Startgeldes jeder an den Start gehen darf.

Short Mat Players Tour April 2015 - Belfast

Short Mat Players Tour April 2015 – Belfast (Foto SV Löbichau)

Geschichte und Geschichten

Der Ursprung eines Spiels mit modifizierten Kugeln liegt vermutlich vor mehr als 7000 Jahren im Dunkel der Geschichte. Das wohl älteste noch bestehende Bowlinggreen wurde 1299 in Southhampton angelegt. Im 14. Jahrhundert wurde das Spiel dann verboten um die Leute nicht vom kriegswichtigen Bogensport abzuhalten.
Auf ebenen Rasenflächen wurde dann erstmals in Schottland gespielt, wo auch die meisten der heute angewendeten Regeln (laws) entwickelt wurden.
Die wohl berümteste Partie wurde 1588 in Plymouth gespielt. Sir Francis Drake wollte auf jeden Fall erst sein Spiel beenden, bevor er sich um die Vernichtung der spanischen Armada kümmerte.
Seine weltweite Verbreitung fand Lawnbowls mit der britischen Kolonialisierung der Welt. Sportliche Höhepunkte sind heute neben der Weltmeisterschaft die Commonwealth Games.

Lobsterthermidor at en.wikipedia [CC0], via Wikimedia Commons

Sir Francis Drake beim Bowls Quelle: Lobsterthermidor at en.wikipedia [CC0], via Wikimedia Commons

Lexikon der Bowlsbegriffe

Gerade haben wir auf unserer Seite ein kleines Lexikon der wichtigsten Bowlsbegriffe in deutscher Sprache zusammengestellt. Wir werden diese Seite auch weiterhin pflegen und erweitern. Dieses lexikon soll eine Hilfe sein, um sich mit den Begriffen von Bowls vertraut zu machen, die englische Fachliteratur für diesen Sport besser zu verstehen und sich bei internationalen Wettkämpfen als Zuschauer und Spieler besser orientieren zu können.

_MG_4245_web

Scoreboard

Die 6 Typen eines Bowlwurfs

In einem 2001 von Bowls Canada veröffentlichten Handbuch für Rasenbowler (The Lawn Bowler’s Handbook) werden 6 unterschiedliche Würfe für unterschiedliche Situationen betrachtet:

1. Die Annäherung (Draw Shot) gilt als der klassische Wurf um einen Bowl möglichst nah am Jack zu platzieren. Wichtig sind dabei neben der korrekten Ziellinie vor allem die exakte Geschwindigkeit um den Bowl möglichst nah an den Jack zu legen. Vor allem in den vorderen Positionen werden gute Annäherungen geschätzt.

draw

2. Der Blocker (Block Shot) wird mit viel Gefühl und weniger Geschwindigkeit ca. 3m und genau in der Ziellinie vor bereits platzierte Bowls gelegt um den Weg für weitere Annäherungen zu verbauen. Vor allem in den mittleren Positionen werden Blocker gespielt.

block

3. Der Positionswurf (Position Shot) wird eingesetzt um in größerem Bogen sich von der Seite oder von hinten dem Jack zu nähern und dabei bereits gespielte Bowls zu umgehen. Dieser Wurf ist geeignet um in mittleren und hinteren Positionen entweder für zusätzliche Punkte zu sorgen oder das Spiel zu eigenen Gunsten zu drehen.

position

4. Der Abpraller (Wick Shot) nutzt bereits platzierte Steine als Deflektoren zur Richtungsänderung um damit selbst noch näher am Jack zum Liegen zu kommen.

wick

5. Der Verdränger (Wrestling Shot) wird mit größerer Geschwindigkeit gespielt und versucht neben einer eigenen Richtungsänderung zum Ziel vor allem den gegnerischen Bowl vom Jack zu entfernen.

wrestler

6. Der Zerstörer (Drive Shot) versucht mit größerer Geschwindigkeit (und daher meist geradlinig) ein bestehendes Bild zu verändern und als letzte oft Instanz das Spiel zu wenden oder den Jack aus dem Spiel zu entfernen um das End erneut spielen zu können.

drive

Spielfeld auf dem Rasen

Im Sommer wird Bowls meist auf extra dafür errichteten Sportflächen (Bowlinggreens) gespielt, man spricht dann auch von Rasenbowling (lawn bowls).

Bowling Green - Steerling

Bowling Green – Steerling (Schootland)

Das Spielfeld soll rechtwinklig oder quadratisch sein und muss in Spielrichtung eine Länge von 31 bis 40m haben. Bei dieser Spielart sollte das Grün absolut eben sein. Die Oberfläche besteht (ähnlich wie im Golf ein Puttinggrün) aus kurz gemähtem Rasen. In einigen Ländern sind künstliche Spielflächen (Kunstrasen oder Teppich) im Einsatz. Das Grün ist von einem Graben (ditch) umgeben, der von einem Sockel (bank) eingerahmt wird.

Spielfeld

Das Bowlinggreen wird in kleinere Abteilungen (Rinks) unterteilt. Diese sind zwischen 4,3 und 5,8m breit und der Reihe nach numeriert.

Bowls wird von Matten gespielt. Diese haben eine Größe von 60 x 36 cm und werden in einem Abstand von mindestens 2m vom hinteren Graben (rear ditch) und 25m vom vorderen Graben (front ditch) platziert. Die genaue Lage der Matte wird nach den Bowlsregeln von einer der beiden Spielparteien bestimmt.

Grundgedanken – Worum geht es eigentlich bei Bowls?

Der Grundgedanke beim Spiel ist es soviel wie möglich der eigenen Bowls näher an einen kleinen weißen Ball (Jack) zu legen als der Gegner oder die gegnerische Mannschaft.

IMG_0506

Jeder Bowl der näher am Jack liegt als der Gegner zählt einen Punkt (point oder shot). Es wird über eine vorher festgelegte Anzahl von Runden (ends) oder um das Erreichen eines Punktzieles gespielt. Mehr dazu in unserem Beitrag über mögliche Spielformen.

 

Equipment – Der Bowl…

… ist weder ein Ball noch eine Kugel (auch wenn er gelegentlich so genannt wird) sondern leicht assymetrisch geformt. Auf den beiden Seiten befindet sich jeweils ein kleiner und ein großer Ring. Man spricht von einem sogenannten Bias (Schwerpunktes) welcher den rollenden Bowl bei nachlassender Geschwindigkeit in eine Kurve laufen lässt. Die Ausprägung dieses Schwerpunktes (und damit der Kurvenlage) hängt nicht nur vom Bau des Sportgerätes ab sondern wird auch vom aktuellen Zustand des Grüns (oder dem Teppich in der Halle) bestimmt. Je schneller ein Bowl unterwegs ist, desto gerader ist sein Lauf. Erst wenn sich dieser verlangsamt setzt der Bias ein.

Das erhöht für den Spieler ein wenig die Schwierigkeit, da neben Geschwindigkeit auch die Laufrichtung eingeschätzt werden müssen. Idealerweise rollt ein Bowl über seinen Äquator und nicht über seine Seiten. Es erfordert ein wenig Übung den Bowl ohne hüpfen und springen (also ohne wobble) laufen zu lassen.

Merke: Der Bowl dreht am Ende immer zur Seite des kleineren Ringes. Es heisst also aufpassen und richtig zupacken, sonst wird aus einer gewünschten Linkskurve schnell eine nach rechts.

IMG_0508IMG_0507

Bowls bestehen aus massivem Kunststoff (früher aus Holz) und wiegen je nach Größe zwischen 1,4 und 1,59kg. Die Größen werden zwischen 00 (die kleinste) und 5 gefertigt um verschiedenen Händen und Altersgruppen zu passen.

Bowls Spielformen

Offiziell wird Bowls sowohl in der Halle als auch auf den Grüns in folgenden Formen ausgetragen:

Singles: Ein Spieler pro Team, jeder hat 4 Bowls
Pairs: 2 Team mit jeweils 2 Spielern, jeder Spieler hat 2 bis 4 Bowls
Triples: 2 Teams mit jeweils 3 Spielern, jeder Spieler hat 2 oder 3 Bowls
Rinks (Fours): 2 Teams mit jeweils 4 Spielern, jeder Spieler hat 4 Bowls

In allen Teamwettbewerben wird der erste Spieler Lead und der letzte Spieler Skip (der Mannschaftsführer) genannt. Dazwischen spielen gegebenenfalls noch ein Second und ein Third. Mit den Aufgaben der einzelnen Spieler beschäftigen wir uns noch später.

Gespielt wird dabei um Runden, Punkte, Sätze (oder auch über eine festgelegte Zeit). In einem End (Runde) spielt eine Mannschaft alle Bowls und wertet dann dieses End aus und notiert das Ergebnis.

Number of Ends: Die Anzahl gespielter Ends wird vorab festgelegt. Bei einem Spiel über 25 Ends (Spieldauer: ca. 4 Stunden) gewinnt das Team mit den meisten Punkten (Shots oder Points).

Sets play: Ähnlich wie im Tennis wird das Spiel über eine Anzahl von Sätzen (sets) mit einer vorab vereinbarten Anzahl von Ends gespielt.

Points: Ein Spiel bei dem der Gewinner ist, wer als erstes eine bestimmte Punktzahl erreicht hat (z.B. 11 oder 18)

Bowls in Deutschland

Bowls hat wohl im Moment in Deutschland einen ähnlichen Status wie Skispringen in Hong Kong. Diese Seite soll dazu beitragen, das langsam zu ändern. In der nächsten Zeit wollen wir Euch hier den Sport, seine Regeln und Wettbewerbe etwas näher vorstellen. Wir begleiten die deutsche Nationalmannschaft auf ihrem Weg beim Kampf gegen die Goliaths der Bowls-Welt. Wir erklären Euch den Unterschied zwischen Jack und Ditch und versuchen zu vermitteln wie der Weg zum Ziel rückhändig über eine Kurve erfolgt.

IMG_0411